Aufbruch und Bouillabaisse 

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Neuanfänge sind immer schwer, dieser ist jedoch besonders leicht. Etwas Altes mit frohem Herzen zurücklassen, losgehen mit der beruhigenden Absicht, nicht wieder zurückzukommen, den Blick nach vorne richten, ohne den Verlust im Nacken zu spüren, das alles zeigt einem, dass man lange Zeit stillgestanden hat. Wenn man zu lange in einer unbequemen Position gesessen hat, schlafen die Beine ein und die Gelenke fangen an zu schmerzen. Die unvermeidliche, bevorstehende Bewegung und den Schmerz, den sie mit sich bringen wird, schiebt man so lange wie möglich auf. Lieber noch etwas länger das dumpfe Pochen der eingerosteten Beine ertragen, als sich dem scharfen Stechen des langsamen, ungewohnten Bewegens auszusetzen. Irgendwann lässt sich das Aufstehen und behutsam quietschende hin und her Wackeln – erst der Füße, dann der Beine – jedoch nicht mehr verzögern. Man strauchelt kurz, greift Halt suchend nach dem nächstbesten Gegenstand und setzt dann vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Und es dauert nicht lange bis man merkt, dass der Schmerz Schritt für Schritt nachlässt, bis man ihn gar nicht mehr spürt und sich fragt, wieso man überhaupt so lange gewartet hat.

Seit letztem Sommer bin ich mit meinem Bachelor-Studium fertig und habe, den unvermeidlichen und paradoxer Weise sehnlichst erwarteten Abschied vom von mir eher weniger geliebten München aufschiebend, auf schmerzenden Gelenken den Alltag abgesessen. Nachdem ich eine Zeit lang nicht besonders erfolgreich – und den Absagen entsprechend irgendwann auch nur noch halbherzig – nach dem obligatorischen Praktikum zur Überbrückung der Zeit zwischen Bachelor und Master gesucht habe, bin ich irgendwie und irgendwann einfach hängen geblieben. Zwar habe ich nicht Nichts gemacht – neben diesem Blog habe ich ein paar sehr schöne Reisen gemacht und mir die Zeit mit kleinen Nebenjobs und den Masterbewerbungen vertrieben – und doch würde ich mein Leben im letzten halbe Jahr eher mit einem leise vor sich hin plätschernden Bächlein vergleichen als mit einem reißenden Strom.

Als dann der Jahresumbruch kam, wurden die schmerzenden Gelenke langsam dann doch unerträglich und der tagtägliche, lähmende und vorwurfsvolle Stillstand begann besorgniserregende Veränderungen in meinem allgemeinen Gemütszustand und bei meinem sonst kaum stillbaren Lebenshunger hervorzurufen. Nichts ging mir mehr leicht von der Hand und Nichts machen hatte immer öfter zur Folge, dass ich etwas nicht mehr machte. So wie alle anderen am Anfang eines neuen Jahres auch, nahm ich mir also vor, endlich den schmerzenden ersten Schritt zu machen, um zeitweilig den dumpfen, gegen einen stechenden Schmerz einzutauschen, damit ich danach meine Knie wieder nach Lust und Laune (und soweit das meine ausgeprägte Unsportlichkeit zulässt) biegen und dehnen könnte. Nicht wie alle anderen, hielt ich diesen Vorsatz diesmal ein: Den Januar den letzten ausstehenden Schritten der Master Bewerbungen widmen, im Februar erst in einer 2-Wöchigen Kur mit meiner Mama meinen Körper pflegen, um ihm danach in den jecken Tagen in Düsseldorf wieder nach bestem Gewissen eine ganze Menge zuzumuten und im März dann einige letzte Wochen im mir zum Gefängnis gewordenen München verbringen, um mein Zimmer, das heißt vor allem meine Bücher, in Kisten zu packen und nach Düsseldorf zu schaffen.

IMG_0933.PNGInzwischen sind meine Masterbewerbungen verschickt, die nächsten Monate sind mit tollen Reisen verplant und übermorgen bricht endlich meine letzte Woche in München an. Ich verzweifle zunehmend daran, dass man Umzugskartons nur halbvoll mit Büchern packen kann und genieße trotzdem jeden Sonnenstrahl des herannahenden Frühlings. Ich stehe,  trotz anstehender Arbeit, wieder jeden Morgen gerne auf. Das dumpfe Gefühl des Stillstands ist der erhebenden Leichtigkeit der Bewegung gewichen. Von Zeit zu Zeit überwältigt mich das Bewusstsein, dass mir die ganze Welt offen steht und dass das Einzige, was mich bisher im Leben eingeschränkt hat, ich selber war. Ein Aufbruch klingt im ersten Moment nach etwas Schlechtem, nach einem Bruch mit etwas Altbekanntem, etwas Geliebtem, einem Verlust durch Trennung.  Für mich ist der bevorstehende Aufbruch in ein neues Leben, oder eher in ein neues Kapitel meines Lebens, jedoch wenn überhaupt nur ein Bruch mit dem Stillstand, der Festgefahrenheit und Antriebslosigkeit der letzten Monate. Seit ich mich aktiv mit meinem Fortgang aus München auseinandersetze, der irgendwo auch einen Aufbruch aus meinem Lebensfrühling bedeutet, fallen mir plötzlich wieder gute Momente der vergangenen drei Jahre ein und, auch wenn ich niemals glühender Verfechter von Münchens unantastbarer Schönheit werden werde, diese guten Momente und bereichernden Menschen hat es auf jeden Fall gegeben.

Ich breche also auf, im Nacken den Frühling meines Lebens, und schreite dem Sommer entgegen. Wehmütig bin ich nicht, denn das plätschernde Bächlein, dem ich die letzten Jahre gefolgt bin, wird in Sichtweite endlich wieder zum reißenden Strom. Viel eher hat mir das Gefühl des bevorstehenden Aufbruchs die Fähigkeit zur Nostalgie wiedergeschenkt – zur unwehmütigen Wehmut – und das Gefühl des Verlusts ist mir gerade völlig fremd, denn alle Menschen und alle Erinnerungen, die mir in den letzten drei Jahren etwas bedeutet haben, nehme ich auf die eine oder andere Art und Weise auf meinem weiteren Lebensweg mit.

P.S.: Was es mit den Stickern auf meinem Köfferchen auf sich hat, bleibt zuerst noch ein Geheimnis. Ihr werdet hier nach und nach mehr erfahren. Auf jeden Fall ist unübersehbar auch ein französischer Sticker dabei…wobei ich bezweifle, dass ich in Frankreich bessere Bouillabaisse essen werde 😉

©Luisolo

Bouillabaisse

In München war die letzten Tage strahlend blauer Himmel und auch wenn sich in meinem Leben, im Gegensatz zu Luisolos, die nächste Zeit nicht besonders viel ändert, bin ich trotzdem auch in dieser Aufbruchsstimmung, was daran liegen mag, dass die Tage wieder länger werden und die Temperaturen erträglicher. Für unser letztes gemeinsames Mahl, bevor Luisolo München verlässt, musste deshalb ein Gericht her, das dieses Gefühl des aufregenden Neuen, der Frische, des Lebensgenusses und des Sommers auffängt.  Wenn ich an Bouillabaisse denke, sehe ich mich automatisch bei einem kühlen Glas Weißwein genüsslich diese Suppe schlürfen und die letzten Reste der Rouille mit einem knusprigen Baguette aufsaugen, während ein leichter Lavendelduft in der Luft liegt und ich dem französischen Stimmengewirr um mich herum lausche. Ich kriege sofort Lust aufzubrechen (vielleicht auch auszubrechen), neue Schritte zu wagen und das Leben mit allen Sinnen zu genießen. Luisolo, ich hoffe, du kannst jetzt gestärkt in die weite Welt ziehen!

Wer auch mal wieder Lust hat aufzubrechen und sei es nur in den kommenden Frühling, der sollte sich an der provenzialischen Fischsuppe versuchen (und da es eine Suppe ist, kann man sie auch gut genießen, wenn die Temperatur doch noch unter 20 Grad liegt)!

Für 4 Personen , Schwierigkeitsstufe: 3 von 3

1 Dorade, 1 Rotbarbe, 4 Garnelen

1 Fenchelknolle, 1 Gemüsezwiebel, 1 Lauchstange, Olivenöl

Safran, 2 EL Tomatenmark, 2 Tomaten (Kerne entfernt und grob gewürfelt)

100ml trockener Weißwein, 1 Knoblauchzehe (zerstoßen), Thymian, Lorbeer

 Bund Basilikum

10 Drillinge

Die Fische filetieren, die Gräten bei den Filets entfernen, in mundgerechte Stücke schneiden und kalt stellen. Die Karkasse präparieren (Augen, Kiemen, Flossen, Innereien entfernen), klein schneiden und abspülen (ggf. mehrfach). Ggf. den Darm bei den Garnelen entfernen.

Fenchel, Zwiebel und Lauch putzen und alles in feine Streifen schneiden. Jeweils einen kleinen Teil beiseite legen für den Fisch Fond.

In einem Topf bei mittlerer Hitze 1 EL Öl erhitzen und die Karkasse dazu geben. Für 1 min mit Deckel drauf andünsten lassen, dann die Reste von Fenchel, Zwiebel und Lauch hinzugeben und mit andünsten für ca. 2 min. Danach sowohl Safran (Menge nach Belieben) als auch Tomatenmark und Tomaten hinzugeben, kurz anbraten und alles mit Weißwein ablöschen. Ca. 1,5l Wasser dazu geben und dann Thymian, Lorbeer, die Stängel des Basilikums und Knoblauch. Aufkochen und dann 30 min köcheln lassen. Durch ein Sieb in einen neuen Topf passieren und die Suppe erneut ca. 30min köcheln lassen.

Die Kartoffeln in sehr kleine Würfel schneiden und in 2EL Öl kurz auf hoher Flamme anbraten. Fenchel, Zwiebel und Lauch bei mittlerer Hitze in 2 EL Öl andünsten bis sie gar sind. Beides beiseite stellen.

Die Fischfilets und Garnelen in der Suppe erwärmen bis sie durch sind. Kurz vor dem servieren sowohl Kartoffeln als auch den Zwiebelmix dazu geben. Auf Tellern anrichten mit Basilikumblättern und dazu Rouille und Baguette servieren. (Wer mag, kann die Rouille natürlich auch vorher schon etwas unter die Suppe mischen, das bindet! Ich überlasse es gerne jedem selber.)

Für die Rouille:

1 mehlig-kochende Kartoffel, 2 Eigelb, 1 Knoblauchzehe (gerieben), 200ml Olivenöl, 1EL Tomatenmark, Safran

Die Kartoffel auf grobem Meersalz für 1h Stunde bei 200°C in den Ofen geben. Danach das weiche Innere auslöffeln und in einer Schüssel mit den anderen Zutaten vermischen. Ggf. mit ein bisschen Fisch Fond cremiger rühren.

Tipp: Am nächsten Tag schmeckt die Bouillabaisse fast noch besser 😉

 

©Anussis

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