Dienstag, der 14.2. und Rosa Törtchen

IMG_0705.PNGWährend sie zum Kühlschrank schlurft, denkt sie kurz darüber nach, ob sie sich zur Abwechslung nicht mal wieder ein Spiegelei braten soll. Doch der damit verbundene Aufwand hält sie letztendlich davon ab. Gähnend greift sie nach einer Schüssel, die eigentlich nie im Schrank steht, weil sie sie jeden morgen direkt vom Abtropfgitter nimmt, wo sie nach dem Essen dann auch wieder landet. Jeden Tag dasselbe Spiel. Mist, hingesetzt und den Löffel vergessen. Nochmal aufstehen. Kaffee ist inzwischen auch durchgelaufen, direkt im Stehen der erste Schluck – fast die Zunge verbrannt. Zurück zum Tisch und aufpassen, dass auf dem Weg nicht der halbe Kaffee auf dem Boden landet. Wieder auf dem Stuhl bequem gemacht, Milch in die Schüssel, Löffel greifen; wo ist der Löffel? Scheiße, eben nur den Kaffee geholt. Aufstehen, dabei an den Tisch stoßen, doch noch Kaffee verschütten, Zewa holen, im letzten Moment an den Löffel denken. Endlich mit allen nötigen Utensilien zurück am Tisch, noch ein Schluck Kaffee, ein Löffel Müsli hinterher und dann erstmal die Nachrichten anmachen: Guten Tag meine Damen und Herren, herzlich willkommen zu den Nachrichten an diesem Dienstag, den 14.2.2017.

IMG_0708.PNGDas Radio plärrt leise vor sich hin und verkündet ihm, dass es sich um den „romantischsten Tag im Jahr“ handelt – als ob er das nicht eh schon wüsste. Der Himmel ist grau, seine rosaroten Gedanken kann jedoch nichts trüben. Die Straße wird langsam voller, nicht, dass es noch Stau gibt. Egal, seine gute Laune verdirbt ihm heute niemand. Und da ist er: Stau. Die Autos vor ihm rollen langsam aus. Rote Rücklichter vor ihm; rot wie die Liebe. Als er mit einem kleinen Ruck ganz zum Stehen kommt, dreht er das Radio lauter: Highway to Hell. Passt zwar nicht, gefällt ihm trotzdem. Er summt mit. Er dreht die Scheibe runter, muss sich ein wenig verrenken, um an die Zigarettenschachtel zu kommen, die unter den Beifahrersitz gerutscht ist, und fingert schließlich, nicht ohne dabei genervt zu stöhnen, eine Zigarette aus der zerknitterten Packung. Das Klacken des Feuerzeugs, das Aufleuchten der gelben Flamme – Flamme der Liebe? Er nimmt einen tiefen Zug und bläst den Rauch aus dem Fenster. Er freut sich auf heute Abend. Endlich mal hat auch er einen Valentinsschatz. Die Hupen genervter Autofahrer hinter ihm reißen ihn schließlich aus seinem Tagtraum – sie kam lächelnd auf ihn zu, der Weg unter ihren Füßen bestreut mit roten Rosen, er hielt eine herzförmige Schachtel Pralinen in der Hand und machte sich gerade bereit, sie in den Arm zu nehmen: Happy Valentine’s Day!

IMG_0711.PNGSie spazieren langsam den breiten Kiesweg entlang. Rechts neben ihnen treiben die Schwäne. Er ist sich nicht sicher, ob er dieses Jahr wirklich Alles gegeben hat. Sein letztes Geschenk ist aber auch wirklich schwer zu übertreffen. Sie hat ähnliche Gedanken. Dieses Mal ist es besonders schwer gewesen. Sie hat auf tausenden von Internetseiten und in diversen Frauenforen recherchiert, um Inspiration zu finden. Zufrieden ist sie trotzdem nicht. Er hat seinen Freunden, die dabei genervt versucht haben, trotzdem das Fußballspiel weiter zu verfolgen, stundenlang die Ohren abgekaut. Danach war er jedoch auch nicht schlauer. Letztes Jahr hat sie angefangen zu weinen, als sie sein Geschenk gesehen hat. Er hat dann heimlich auch eine Träne verdrückt. Sie hat es zum Glück nicht gesehen. Ob er sie dieses Jahr wieder zum weinen bringen kann? Sie will ihm dieselbe Freude machen. Dass er letztes Jahr eine Träne wegen ihrer Freude verdrückt hat, rührt sie immer noch. Sie will ihn diesmal auch zum weinen bringen – und zwar wegen ihres Geschenks und nicht aufgrund ihrer Freude über seins. Gedankenverloren drückt er ihre Hand, die klein und versteckt in seiner liegt. Sie schaut zu ihm hoch und lächelt. Er bleibt stehen, nimmt ihr Gesicht in beide Hände und küsst sie zärtlich. Beiden läuft eine kleine Träne die Wange herunter: so glücklich sind sie, dass sie sich haben – und beide tun so, als würden sie die Träne vom anderen nicht sehen. Die Schwäne singen im Hintergrund.

Das struppige braune Haar seiner Kundin erinnert ihn an seine Haare. Er versucht zwar, deswegen nicht grob mit ihr umzugehen, schafft es jedoch nicht ganz, seine Wut zu unterdrücken. Es ist genau ein Jahr her, dass er IHN mit einem anderen in ihrem gemeinsamen Bett gefunden hat. Er hatte mit großen Augen in der Tür gestanden wie ein Idiot, das Lächeln auf dem Gesicht festgefroren und der Strauß Rosen, den er, blöd wie er ist, auch noch am Flughafen besorgt hatte – ein Valentinstagsgeschenk…pah, wer braucht diesen Quatsch eigentlich? – fiel langsam, Rose für Rose, aus seiner erschlafften Hand. Schnelles an sich raufen der Laken, ein beschämter Blick nach unten, Gestammel: Schatz, ich dachte, du kommst erst morgen wieder! img_0709Ich dachte, ich überrasche dich zum Valentinstag… Sind die Rosen für mich? Nein, natürlich für deine Affäre. Raus!!! Wie er, der fremde Mann, nackt seine Sachen zusammengesammelt hatte, dabei hatte er wenig erfolgreich versucht, seine Blöße zu verdecken. Als ob er nicht vorher eh schon alles – sogar in action – gesehen hätte. Seine Sachen waren über den ganzen Zimmerboden verstreut, die beiden hatten es anscheinend kaum mehr abwarten können. Er hat ihn nie wieder gesehen. Er will ihn nie wieder sehen. Er vermisst ihn. Die Kundin beschwert sich, weil er ihr schon wieder zu grob an den Haaren gezogen hat. Entschuldigen sie bitte. Ich bin ein bisschen durcheinander. Zum Glück hat er bald Feierabend. Er hasst Valentinstage.

Sie sitzen sich schon eine ganze Weile schweigend gegenüber. Aber nur weil sie keine Wörter austauschen, gehen deswegen nicht weniger Vorwürfe über den Tisch. Das Kratzen der Gabel auf dem Teller, der genervte Blick auf den Kellner, das Rascheln der Serviette – Vorwurf, Vorwurf, Vorwurf. Ist dein Filet auch fast kalt? Nein, es ist perfekt. Ist dir der Champagner auch zu kalt, oder bist du wenigstens damit zufrieden? Was willst du damit denn jetzt schon wieder sagen? img_0707Ich kann mich ja wohl noch beschweren, dass das Fleisch kalt ist, wenn das Fleisch kalt ist, ohne dass du mir daraus einen Vorwurf machst. Du machst mir den Vorwurf! Ich habe mich abgehetzt, um pünktlich hier zu sein und hing heute Nachmittag ewig in der Warteschleife, um noch einen Tisch zu bekommen! Und du meckerst wieder nur rum. Ich meckre nicht nur rum! Das Fleisch ist kalt. Mehr habe ich nicht gesagt. Und das Fleisch ist kalt. Willst du probieren?? Danke, nein. Ich habe selber Fleisch. Und das ist ganz vorzüglich. Weder zu warm, noch zu kalt. Weißt du was? Dann iss dein perfektes Stück Fleisch doch alleine. Ich gehe nach Hause. Hier, der Champagner IST ZU WARM. Während sie den Stuhl zurückschiebt, stößt sie mit der linken Hand ihr Glas um. Der Champagner landet auf seiner Hose. Sie steht auf und geht. Die rosa Ballons, die ihr den Weg versperren, schlägt sie zur Seite. Dabei kommt sie mit der scharfen Kante ihres Rings an den Größten – es knallt und rosa Fetzen landen auf dem Tisch und seinem Essen. ICH WILL DIE SCHEIDUNG, schreit er ihr hinterher.

©Luisolo

Rosa Törtchen

Valentinstag – geliebt, gehasst oder einfach vergessen. Die Menschen, aus deren Leben Luisolo erzählt, zeigen: Wir schreiben alle unsere ganz individuelle Geschichte.

Kurzzeitig habe ich mich gefragt, was denn meine Geschichte ist und welches Gericht diese wohl in diesem Beitrag am Besten darstellen kann? Sollte ich der Kommerzschiene folgen und alles hauptsächlich kitschig und pink gestalten? Sollte ich zum Valentinstag eine schwere und schwarze Torte präsentieren, um zu zeigen: Wer braucht schon rosarot, all die knutschenden Pärchen nerven doch nur? Oder einfach gar nicht drauf eingehen und ein Käsebrot fotografieren?

Entschieden hab ich mich für folgendes:

Himbeergeleekern ummantelt von einer Rosenbuttercreme auf Mandel Dacquoise, überzogen mit einer bonbon-pinken Glasur.

Also doch ein kitschiges Dessert. Aber nicht, um mich an irgendwelche Vorschriften zu halten, dass man an diesem Tag nur eine Farbpalette benutzen darf und außer Rosen keine Blumen auf den Tisch kommen. Sondern viel mehr aus der ehrlichen Überzeugung, dass zum einen Himbeeren und Rose eine wundervolle Kombination sind – egal an welchem Tag (das erste Mal wurde ich da von Pierre Hermé überzeugt)! Und zum anderen, weil es auch mal gut tut, die Sachen rosarot zu sehen, egal wie sehr das tatsächlich mit der Realität übereinstimmen mag. Ein bisschen Liebe verschenken und Liebe bekommen hat noch niemandem wirklich geschadet. Natürlich braucht man dafür keinen besonderen Tag, aber wenn es ihn gibt, kann das auch nicht so verkehrt sein. Ich habe meine rosaroten Törtchen jedenfalls mit Freunden gegessen und dadurch hoffentlich ein bisschen Liebe verteilt.  Happy Valentine’s Day!

Da das Törtchen die Schwierigkeitsstufe drei von drei hat und Utensilien gebraucht werden, die nicht jeder Zuhause hat, sehe ich davon ab, das volle Rezept hier zu posten. Wer sich trotzdem dran wagen möchte, dem verrate ich natürlich auf Nachfrage, wie das Törtchen entstanden ist. Ansonsten gibt es heute nur das Rezept für die Rosenbuttercreme, denn diese eignet sich auch hervorragend, um Macarons zu füllen. Wenn euch also heute die Lust überkommt, auch etwas unglaublich kitschiges zu backen, dann ran an die rosa Macarons mit dieser Füllung:

Rosenbuttercreme

30g Wasser, 120g Zucker, 2 Eiweiß

90ml Milch, 3 Eigelb, 40g Zucker

400g weiche Butter

75ml Rosenwasser

Das Wasser und den Zucker kochen bis eine Temperatur von 118 Grad erreicht ist. Das Eiweiß, kurz bevor der Zucker diese Temperatur erreicht, in einer Küchenmaschine aufschlagen. Den gekochten Zucker dazugießen und weiteraufschlagen, bis eine schöne Meringue entstanden ist.

Die Milch aufkochen. Eigelb und Zucker cremig verrühren. Zu der Milch geben und unter ständigem Rühren bei niedriger Temperatur andicken lassen. Vorsicht, sollte nicht aufkochen!

Die Butter in der Küchenmaschine min. 3 Minuten cremig schlagen. Die angedickte Creme und das Rosenwasser dazu geben und zu einer einheitlichen Masse vermischen. Als letztes die Meringue unterheben.

©Anussis

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s